Gründer Wolfgang Gielow

 

M ü n c h e n. Wer von ihm einen "Loveletter" bekam, war gut beraten, sich mit einem Gläschen Wein in eine ruhige Ecke zurückzuziehen und die dicht beschriebenen Schreibmaschinenseiten genüsslich zu studieren. Mit witzigen Kommentaren, drastischen Kritiken, aber auch euphorischen Anpreisungen erfuhr der geschätzte Leser alles Wissenswerte über internationale Neuerscheinungen an Ballettvideos, Unterrichtsmusiken und Ballettbücher. Wolfgang Gielow war stolz darauf, in seinem Geschäft in München das wahrscheinlich weltweit größte Angebot an Unterrichtsmusiken vorrätig zu haben.


Als Wolfgang Gielow am 28. Februar 1928 in Schwerin geboren wurde, hätte niemand geahnt, dass er eines Tages ein Ballettgeschäft betreiben würde. Er hatte keine geheime Leidenschaft für das Ballett, war kein verhinderter Tänzer und sagte über sich selbst, er sei hoffnungslos unmusikalisch. Er absolvierte eine Buchhändlerlehre, und in seinem ersten eigenen Laden, den er nach dem Krieg in der Theatinerstaße in der Nähe des Opernhauses eröffnete, bot er Filmbücher und Kunstbände an. Das verkaufte sich schlecht, und er kämpfte ständig um seine Existenz. „Hans Dampf in allen Gassen". Aber Wolfgang Gielow gab nie auf, denn er hatte ein Talent, das ihn auch über schwere Zeiten rettete: Er konnte Dinge besorgen, die es in den Nachkriegsjahren in Deutschland noch nicht zu kaufen gab, wie zum Beispiel Trikots. Die Tänzerinnen vom Nationaltheater zeigten ihm Fotos von amerikanischen Kollegen und Gielow besorgte das gewünschte Outfit. "Der Gielow kann alles besorgen", das wußte man in Künstlerkreisen. Als er in das Geschäft am Max Weber-Platz umzog, veränderte er sein Sortiment. Die Filmbücher verschwanden, dafür tauchten Spitzenschuhe, Tanzkleidung und Ballettliteratur auf.


Kaufmann ohne Profitdenken. Er sei kein Geschäftsmann, hat er oft über sich selbst gesagt. Profitdenken und Gewinnmaximierung waren ihm fremd. Er war einer, der "Loveletters" schrieb, Ballettstangen baute, Steppschuhe mit Eisen versah und der die verkaufte Ware in buntes Geschenkpapier einwickelte. Er war einer, der darauf vertraute, dass man ihn nicht betrog, der manchmal ungeschickt, aber immer originell mit seinen Kunden umging Er war einer, der, wider besseren Wissens, an das Gute im Menschen glaubte.


Wolfgang Gielow . "Loveletters" gehörten wohl zu den skurrilsten Publikationen der bundesdeutschen Tanzszene. Doch gerade deshalb wollte sie niemand missen. Aber auch das persönliche Gespräch mit dem Wahlmünchner riet gab regelmäßig Anlaß zu heiteren Reaktionen. Dabei war Wolfgang Gielow eher ein ernster, besinnlicher Mensch, der die Entwicklungen des Tanzes und vor allem der Tanzpädagogik stets mit kritischem Augen begleitete. Sein Ballettgeschäft am Max Weber-Platz in München betrieb er eher unkonventionell. So unkonventionell eben wie seine "Loveletters". Das Münchener Original starb kurz vor seinem 72. Geburtstag.

 

Ein Nachruf von Annette Mey.